Juri Ritcheu: Die Reise der Anna Odinzowa

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Auch innen sitzen die Tschuktschen auf Walskeletten, das Foto ist von hier.

Von dem sibirischen Aut0r Juri Rytcheu wollte ich schon lange einmal etwas lesen, schon allein, um mehr über den Schamanismus der Tschuktschen zu erfahren. Im Roman “Die Reise der Anna Odinzowa” wird erzählt, wie eine russische Ethnologin zur Schamanin ausgebildet wird. Trotz esoterischer Thematik sehr bodenständig und einfach erzählt. Auch das Interieur in den Jaranga-Zelten kommt in der Geschichte immer wieder vor:

In der linken Ecke flackerte lustig ein offenes Feuer, mit heller Flamme brannten darin Stücke einer trockenen Flosse … Am Kopfende des Pologs (= Ruhestätte) standen auf einem niedrigen Tischchen glänzende Flaschen mit dem üblen fröhlich machenden Wasser und Teetassen. Ein Teil der Gäste setzte sich auf den Kopfstützbalken, die anderen Namen auf den weißen Walwirbeln Platz, die als Hocker dienten.

Unionsverlag Zürich, 2000, S. 51

Lesetipp: Wei Hui, "Marrying Buddha"

Creazioni_shangrila20851207zDer Sessel stammt von dem Künstler und Designer Simon Ma aus Shanghai.

Eine feinsinnige, nervöses, ich-zentrierte Erzählung, in der eine chinesische junge Luxusfrau an Schauplätzen in New York und China auf der Suche nach sich selbst ist.

Ich finde das Buch von Wei Hui (Die mit „Shanghai Baby“ bekannt wurde) lesenswert, weil die Sprache interessant ist und der Roman eine Innensicht in kosmopolite junge Chinesen und Chinesinnen bietet. Politik spielt in diesem Buch, anders als in der Realität, so gut wie keine Rolle. Aber das Sofa:

Es gab ein langes schwarzes Ledersofa und einen riesigen Fernseher. Darauf standen ein Spielzeugelefant, den Muju vor dreißig Jahren aus Indien mitgebracht hatte, eine besondere Korallenart, die er vom Grund des Pazifiks herausgeholt hatte, und ein paar widerstandsfähige Topfpflanzen …

Daneben standen einige Schränkchen und Kommoden, darunter ein antikes Lackschränkchen aus Brasilien, das jeden Moment zusammenzufallen drohte.

Berlin, Ullstein 2007, S. 35

Lesetipp: Giannis (Jannis) Ritsos, "Ikonenwand anonymer Heiliger"

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Im Gedenken an zwei große griechische Seelen lese ich zurzeit in den oben genannten poetischen Texten des Dichers Jannis Ritsos (1909 bis 1990). Er verzaubert den Alltag auf wunderbare Weise, und besonders die erste von drei Textsammlungen, “Ariostos der Aufmerksame erzählt Augenblicke seines Lebens und seines Schlafes” hat es mir angetan.

Das Buch ist ein genialer Flohmarktfund von letztem Sonntag, es stammt noch aus der DDR, wurde dort 1986 verlegt. Das Interieur fließt ununterbrochen in den poetischen Sprachraum von Ritsos ein, z. B. hier:

Wir werden uns auf das Kanapee setzen, unseren Tee trinkend, uns über Gärten und Reiterstandbilder unterhalten. Dann wird eine Taube hereinfliegen, eine dieser herrenlosen aus der Nachbarschaft wird durch das Fenster kommen und sich zwischen uns setzen.

Und während ich so die Hand bewege, um die Taube zu streicheln, wird meine Hand der ihren begegnen, und unsere Hände werden auf dem Rücken der Taube bleiben wie auf einem kleinen weißen Altar, den ewigen Schwur leistend.“
Verlag Volk und Welt, Berlin, 1986, S. 30, „Schwur“

Buchtipp: John Williams, "Stoner"

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Der Autor John Williams stammte aus Texas in den USA, drum ein bisschen zeitgenössischer Lifestyle aus dem „Lone Star State“. Das Foto ist von hier.

Nachdem ich seit einem Jahr ständig von der Wiederentdeckung des Autors John Williams (1922 –1994) höre, habe ich jetzt endlich auch „Stoner“ über das Leben eines US-amerikanischen Literaturdozenten gelesen. Ein unspektakuläres Buch, das erst in der zweiten Hälfte an Tempo und Gefühl gewinnt. Dennoch empfehlenswert auf Grund der ganz eigenen Sprache, der erzählerischen Ruhe, der späten Liebesgeschichte und der Erkundung, wie eine große persönliche Katastrophe ganz klein beginnt.

Sofas und Interieurs gibt es massenhaft, hier ein Beispiel:

Sein Arbeitszimmer lag ebenerdig neben dem Wohnzimmer, und ein hohes Fenster wies nach Norden, sodass tagsüber sanftes Licht eindrang; (…) Und weil er von seinen Büchern umgeben sein wollte, machte er sich ans Werk und zimmerte ein Regal; in einem Trödelladen fand er ein paar klapprige Stühle, ein Sofa und einen alten Tisch, für die er ein paar Dollar zahlte, um sie dann in vielen Wochen zu restaurieren.

München, dtv 2014, S. 129

Übrigens: Wer nicht nur Sofas gucken, sondern ganz ernsthaft ein Sofa kaufen möchte, sollte sich vorher genau überlegen, welche Kriterien ihm wichtig sind. Anhaltspunkte für die richtige Entscheidung und viele weitere Tipps zum Sofa-Kauf findet Ihr auf dem Wohnportal http://www.zuhause.de, für das ich auch regelmäßig Artikel schreibe.

Lesetipp: Yasushi Inoue, "Das Jagdgewehr"

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Das Sofa auf dieser Seite hat die wunderbare Paperswapperin LaWendula für mich entdeckt. Danke!!!

Das dünne (rund 90 Seiten umfassende) und sehr poetische “Das Jagdgewehr” aus dem Jahr 1964 von Jasushi Inoue hat wenig mit der Leichtigkeit und Durchlässigkeit moderner japanischer Literatur à la Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto gemein.

Die Geschichte um drei Frauen und einen Mann wiegt schwer und zeigt, wie katastrophal sich enttäuschte Liebe und Schweigen auf gleich mehrere Lebenswege auswirken können. Wenig Interieur, aber trotzdem viel Stimmung:

Als ich von meinem Fenster heruntersah, kam mir der Garten im Licht des unheimlich weißen Mondes wild wie der Strand irgend eines sehr nördlichen Strandes vor, und das Rauschen des Windes erinnerte mich an Wogen, die sich schäumend brachen …

Ich stapelte fünf, sechs Bücher eines Konversationslexikons an der Tür, damit diese nicht so leicht geöffnet werden konnte, zog die Vorhänge zu – ich fürchtete mich sogar vor dem Mondlicht, das ins Zimmer floß! – und rückte meine Tischlampe zurecht.

Das Jagdgewehr, Frankfurt 1998, S. 28 f

Buchtipp: Bruno Dörig, "Aus der Herzmitte leben"

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Dieses mystisch leuchtende Sofa von Ron Arad für Moroso auf der Mailänder Möbelmesse 2015 wird aktuell besonders gern und oft auf Design-Plattformen gezeigt, das Bild oben stammt von hier.

Das 120-seitige Büchlein “Aus der Herzmitte leben” ist ab und an ein klein wenig betulich. Insgesamt aber enthält es viele kurze, nahrhafte, erholsame Texte, mit deren Lektüre wir uns sehr schnell erden können.

Auch das Wohnen spielt eine wichtige Rolle, hier ein Auszug über den Kraftplatz:

Mein Kraftplatz besteht aus einer Sitzgelegenheit. Es ist kein besonders wertvoller Sessel mit allen Schikanen, sondern ein billiges Ding aus dem Kaufhaus … Der Stuhl steht in der Küche, an einem Ort, an dem ich mich gerne aufhalte. Der mächtige Holztisch ist in der Nähe, auf dem eine schöne, große Kerze steht … An diesen Ort bin ich zurückgekehrt nach schwierigen Perioden im Beruf … Hier habe ich neu Mut gefasst … Mein Kraftplatz ist nicht das Ergebnis von Planung und Studium, sondern er hat sich so ergeben.”

Eschbach 2009, S. 96 f

Lesetipp: Kristine Bilkau, "Die Glücklichen" und die Künstlerin Karen Ryan

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Es geht in dem 300-Seiten-Roman ums Prekariat. Nah dran am Thema ist Karen Ryan mit ihren widerspenstigen Stuhl-Arrangements. Das Foto ist von hier, mehr zur Designerin und Künstlerin hier.

Das Buch “Die Glücklichen” von Kristine Bilkau ist ein verständnisvoller, behutsamer Tröster, wenn Lebenswege anders laufen, als geplant. Es lohnt sich, bis zum Schluss dranzubleiben. Auch, wenn es bisher nur als Hardcover auf dem Markt ist. Danach holt man sich bei Bedarf ziemlich entspannt Lesestoff aus den Tausch-Regalen. Auch kommen viele Sofas vor, zum Beispiel hier:

Durch die kleinen Fenster dringt wenig Tageslicht, Maud schaltet eine Stehlampe neben dem Kachelofen an. Auf einem Couchtisch sieht er Bücher über Kräuter und Saatgut, daneben einige zerfledderte Exemplare, düstere Motive in Rot und Schwarz, wahrscheinlich Thriller. Neben dem Sofa steht ein Korb mit Holzscheiten. Kein Designkram, das hätte er anders erwartet.

München 2015, Seite 86

Buchtipp: Qiu Xiaolong, "Blut und rote Seide"

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Dies ist das Café eines neuen Kindermuseums für Glas in Shanghai, gestaltet von der Shanghaier Desigfirma Coordination Asia. Ziemlich düster für meine Begriffe.

Wer sich eine Vorstellung vom modernen Leben in Shanghai machen möchte, könnte den Krimi “Blut und rote Seide” von Qiu Xiaolong über eine Frauenmordserie interessant finden. Da der Oberinspektur nebenbei Chinesische Literatur studiert, kommt auch diese nicht zur kurz. Ich habe das Buch gern gelesen, bis auf die ziemlich grausamen Essens-Szenen. Interieur wird eher kurz abgehandelt:

„Er würde die Bücher heute nicht aufschlagen, verordnete er sich. Stattdessen nahm er eine lange, heiße Dusche, legte sich aufs Sofa, und schlief sofort ein.“

Blut und rote Seide, dtv 2011, S. 165

Buchtipp: Toni Morrison, „Gnade“

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Das Foto stammt von hier, wo auch ein langer Essay über Toni Morrison zu lesen ist.

Wie sie es nur immer wieder schafft, über die schlimmsten Dinge zu schreiben und einen dennoch reich beschenkt zurückzulassen … Ach, diese Sprache! In „Gnade“ aus dem Jahre 2008 nimmt Toni Morrison uns noch einmal mit in 17. Jahrhundert nach Delaware und erzählt die Geschichte einer Trennung aus der Sicht mehrerer Frauen (und weniger Männer) neu. Das Innenleben spielt eine große Rolle, auch das der Räume:

„Es ist kein Raum mehr in diesem Raum. Meine Worte bedecken den Boden. Von nun an musst du stehen, um mich zu hören. Die Wände sind schwierig, weil das Licht der Lampe nicht weit genug reicht … Ich halte das Licht in der einen Hand und ritze die Buchstaben mit der anderen …“

Gnade, Hamburg 2010, S. 210