Buchtipp für den Lese-Urlaub (JPN): Gail Tsukiyama, Der Garten des Samurai

800px-Ryoanji_rock_garden_close_up

Eine Komposition aus dem alten japanischen Garten Ryoan-ji (15. Jahrhundert), Foto und Erklärungen dazu hier.

„Es kam mir vor wie ein Traum, dass wir monatelang gearbeitet hatten und dass sich der vollendete Garten nun vor uns ausbreitete. In diesem Augenblick erwachte er zum Leben. Auf einmal hörte ich das Wasser fließen und sah, wie sich der Strom der Steine sanft kräuselte. Doch vor allem genoss ich die Vorstellung, dass seine Schönheit etwas war, das mir keine Krankheit, kein Mensch nehmen konnte.“

Lübbe, Bergisch-Gladbach, 200/2, S. 223

51KQAQ5C4WL._SX334_BO1,204,203,200_Der Garten des Samurai von Gail Tsukiyama ist das Richtige, wenn man sich selbst in ein ruhigeres Tempo bringen möchte und geistige Klarheit ohne allzuviel Metaphysik sucht.

Der Tagebuch-Roman handelt von einem jungen, tuberkulosekranken Chinesen, der von Herbst 1937 bis Herbst 1938 in dem Strandhaus seines Vaters in Japan Erholung sucht und von dem stillen Matsu versorgt wird.

Nur am Rande bekommt man mit, dass die Japaner gerade in China Krieg führen und schreckliche Massaker begehen (drastisch beschrieben in Mo Hayders fast unerträglichem Thriller “Tokio“) In der Nähe des Strandhauses ist eine Kolonie verstoßener Leprakranker, und dort lebt Sachi, die trotz ihrer Narben nichts an Schönheit eingebüßt hat.

In dem Buch spielen unter anderem zwei japanische Gärten, der komplizierte Ehrbegriff des traditionellen Japans, zwei Dreiecksbeziehungen und der Verlust von Schönheit und Sicherheit eine Rolle. Wie die Gärten selbst werden diese  Themen auf scheinbar einfache Art mehrfach gespiegelt, kontrastiert, entfaltet, symbolisiert.

Mir gefällt es besonders, wie die Erzählerin verschiedene Konzepte von innerer und äußerer Schönheit verhandelt. Sie hat mich tatsächlich dazu gebracht, menschliche Gesichter neu zu sehen. Für die Langsamkeit und Behutsamkeit dieses Buches braucht man aber schon auch Geduld.

Das Buch kam übrigens per Bookcrossing zu mir, ich fand es in einem öffentlichen Buchregal.

Buchtipp (AU): Favel Parrett, Jenseits der Untiefen

Interesse an internationalen Kulturthemen und -texten von Karin Henjes? Profil & Kontakt hier.

Neu14624829_724435611041677_4027659719886766080_n

Ende letzten Jahres hat Favel Parrett ihren Arbeitstisch für ein neues Buchprojekt knallpink gestrichen. Das Foto ist von hier.

„Miles und Harry waren so lange wie möglich draußen geblieben, bis weit nach Mitternacht, sie waren so lange draußen geblieben, bis sie durchgefroren waren, weil Jeff und Dad seit zwei Tagen tranken. Jetzt waren sie zurück in ihrem Zimmer, und Harry musste dringend aufs Klo. „Kletter einfach durchs Fenster“, flüsterte Miles. „Ich kann nicht.“ … „Aber dann musst du durchs Wohnzimmer.““

München/Berlin 2015, Seite 128

produkt-10481Wieder ein Buch, das uns daran erinnert, dass wir die Kinder in unserer Umgebung im Blick haben sollten. Direkt, poetisch, kurz, packend: „Jenseits der Untiefen“ von der tasmanischen Autorin Favel Parrett über drei Jungen, die allein mit ihrem trinkenden Vater leben müssen.

Es gibt mehrere nahezu unerträglichen Stellen im Buch, der Anfang von einer davon steht oben im Zitat. Eine Geschichte, die einem bleibt.

Es gibt aber auch ergreifend schöne wilde Szenen, vor allem, wenn die Jungen surfen gehen.

Buchtipp (D): Doris Knecht, Wald

Interesse an internationalen Kulturthemen und -texten von Karin Henjes? Profil & Kontakt hier.

lifebuzz-50d15394efc04075c1b0d3f220d84acb-limit_2000

So licht und stylisch wie in den angesagten She Sheds geht es in „Wald“ nicht zu.

„Dieses Geschenk nicht anzunehmen, würde schlechtes Karma bedeuten. Marian wollte kein schlechtes Karma, davon hatte sie schon genug, also nahm sie das Geschenk an, dankte der Gottheit mit einer Verbeugung und schlug dem Huhn mit dem Beil den Kopf ab.“
Hamburg 2016, Seite 178 f

91oAk-YRmELDoris Knechts „Wald“ zeigt einmal mehr, dass meist nicht das Was, sondern das Wie des Erzählens entscheidend ist. Noch eine Geschichte über eine zarte Luxus-Seele oder eine Lifestyle-Frau, die plötzlich mit der Realität der Geldlosigkeit und der Provinzialität konfrontiert wird, hätte nicht unbedingt sein müssen.

Die Art, wie Doris Knecht die Heldin vor sich hin hirnen und in Schleifen ihren Niedergang rekapitulieren lässt, fand ich sehr gekonnt. So ungefähr sieht er aus, der Bewusstseinsstrom dieser Zeit und dieser Generation der Fiftysomethings. Ein Buch wie eine gute – und dann eben doch recht patente – Freundin. Du bist nicht allein.

Leseprobe

Michael Köhlmeier (AUT), Das Mädchen mit dem Fingerhut

Interesse an internationalen Kulturthemen und -texten von Karin Henjes? Profil & Kontakt hier.

moki-shelter-02

Aus dem Buch „Shelter“ von der Künstlerin Moki.

„Ein bisschen war ihnen übel. Sie hätten sich gern nebeneinander gesetzt und die Beine von sich gestreckt. Dazu aber war zu wenig Platz. So aßen sie einander gegenüber, die Beine angezogen. Sie atmeten vorsichtig und bewegten sich nicht. Sie fürchteten, sich zu übergeben.“

Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut, München 2016, Seite 88

Köhlmeier_25055_MR2.inddDer kurze Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier über ein kleines obdachloses Mädchen ist herzzerreißend. Die Tatsache, dass es im Stil eines Märchens geschrieben ist, macht es nicht erträglicher, ganz im Gegenteil. Dadurch wird einem bewusst, dass es sich um ein zeitloses Thema handelt, um eine Realität, die es jetzt in diesem Moment überall auf der Welt gibt.

Beklemmend ist es auch, dass das Mädchen sich von zwei Jungen zum Ausreißen aus einem Waisenhaus (wo es ihr eigentlich gut geht) anstiften lässt. Den Jungen traut sie mehr als den Erwachsenen. Man muss etwas tun.

Buchtipp: Klaus Modick, Konzert ohne Dichter

heinrich_vogeler_sommerabend

Das Gemälde „Sommerabend“ (1905; Foto von hier) von Heinrich Vogeler, auf dem Rilke fehlt.

„Er hat dieses Buch ausgeschmückt (…) – ein Formenreichtum, der nach Farben schreit, nach giftigen, süßen, einschmeichelnden aufreizenden Farben. Im Aufbau sind die Blätter zwar organisch, doch der Rhythmus der Flächen formt eine geschlossene, exklusive Welt. Nirgends öffnet sich ein Horizont, nirgends ein Durchblick, nirgends eine neue Perspektive. Nirgends Freiheit. Ein schöner Vorhang, der die Wirklichkeit verbirgt, eine Mauer, die das Leben ausschließt.“

Klaus Modick, Konzert ohne Dichter, Köln 2015/16, S. 155

9783462047417

Und jetzt, anlässlich der vergangenen Kölner Möbelmesse, etwas zum Thema Design und Gestaltung.

Wie ein lauschiger Lese-Spaziergang mutet Klaus Modicks „Konzert ohne Dichter“ (spielt im Juni 1905) über die Beziehung des Gestalters und Künstlers Heinrich Vogeler und des (in diesem Buch als ziemlich fordernd und unsympathisch charakterisierten) Dichters Rainer Maria Rilke an.

In dieser fiktiven Biographie liest man aber auch das Psychogramm eines erfolgreichen Gestalters, der in der Gebrauchskunst zu ersticken droht. Ein paar Jahre später bricht er dann ja auch politisch aus.

Und hier noch eine Sofa-Dreingabe frisch von der Möbelmesse, die zum üppig-sinnlichen Lifestyle von anno dazumal passt: “Cover” von Ligne Roset (Design: Marie-Christine Dorner).cover_1_01

Buchtipp: Shan Sa, Himmelstänzerin

Interesse an internationalen Kulturthemen und -texten von Karin Henjes? Profil & Kontakt hier.

p1050779

Tianammen Square Peking 2015

„Wie soll ich Ihnen das erklären? Ich sehe auf die Sonne, ich rieche die Düfte, ich höre auf den Wind, ich beobachte die Blätter, die Zweige, die Formen, die Anordnungen, die Farben … ich erkenne alles sehr gut wieder. Seltsam, dass die Landschaft völlig anders ist, das ist doch nicht zu glauben!“

Ein Bergjäger in Shan Sa, Himmelstänzerin, München 2006, Piper, Seite 41

41jmbpdda2l-_sx274_bo1204203200_Der gut 150-seitige Roman „Himmelstänzerin“ von Shan Sa spielt unmittelbar nach der Niederschlagung der studentischen Proteste auf dem Tianammen Square in Peking im Juni 1989. Eine Anführerin des Protests wird von mutigen Menschen in die Berge gebracht, ein Soldat muss sie suchen.

Ein wunderschönes Buch, in dem nichts Überflüssiges erzählt wird und die Poesie die Politik transzendiert. In die historischen Fakten ist eine  magische Geschichte eingewebt, so dass man durchaus von einer Art Magischem Realismus sprechen kann. Die Klarheit und Schlichtheit, mit der das geschieht, erinnert mich an Haruki Murakami. Das Buch ist nur noch gebraucht erhältlich.

Buchtipp: William Gibson, Peripherie

Interesse an internationalen Kulturthemen und -texten von Karin Henjes? Profil & Kontakt hier.

WILLIAM.jpg

Diese Zeichnung von William Gibson stammt von Wesley Merritt und findet sich hier.

„Verschwörungstheorien müssen simpel sein. Um Sinn geht’s da nicht. Die Leute haben mehr Angst davor, wie kompliziert die Dinge in Wirklichkeit sind, als vor dem, was angeblich hinter der Verschwörung steckt.“

Janice in Peripherie, Stuttgart 2016, Klett-Cotta Tropen 2016, Seite 422

„Das Kleid, das Ash ausgesucht hatte … war ein kleines Schwarzes, das sich wie Samt anfühlte, aber wie seidenweiches Karbid-Schleifpapier aussah. Ihr Schmuck bestand in einem Armreif aus antiken Plastikgebissen und etwas Lakritzähnlichem …“

Seite 558

9783608501247-jpg-29971Die (nicht ganz einfach zu lesenden) Bücher von dem US-amerikanischen Autor William Gibson erwarte ich immer mit großer Ungeduld. Er übersetzt die Technologie von heute in eine messerscharfe Welt von Morgen. Den Pokemon-Hype, der dieses Jahre so viele nach draußen zog, hat er zum Beispiel in einer viel edleren Variante schon in seinem Buch „Quellcode“ von 2007 beschrieben.

Gibsons neues Buch „Peripherie“ spielt in gleich zwei Zukunftswelten: in einer, die kurz nach unserer Gegenwart liegt und nach einer großen weltweiten Katastrophe ziemlich runtergerockt ist (dieses Szenario rückt augenblicklich näher). Und in einer zweiten, späteren (auch nicht grad schönen) Zukunft, in der man sich über einen geheimen Server aus der ersten Zukunft per Avatar aufhalten kann. Das Buch ist mir zu lang. Aber weitsichtig wie immer und relevanter denn je.

Katja Kettu, Wildauge

Interesse an internationalen Kulturthemen und -texten von Karin Henjes? Profil & Kontakt hier.

rustic-home-interior-lapland

Interior Design eines lappländischen Hauses. Das Photo ist von hier. Hier die Homepage der Fotografin.

„Das Meer schaukelt in seinem Ebbeschlick wie eine leuchtend türkisfarbene Masse, und die Sonne brennt mir auf den Rücken, aber an den Schattenstellen kriecht mir die Kühle in den Leib. Wildauge wandert durch die Landschaft wie ein Tier. Ihr Gang hat wieder das gewisse Etwas aus der Nibelungensage. Diese Frau spinnt den Schicksalsfaden des Menschen. Früher dachte ich, sie sei Urdr, die Vergangenheit. Jetzt vermute ich allmählich, dass sie Verlandi ist, die Gegenwart.“

Wildauge, Köln 2015, S. 262

9783548286167_coverIm Roman „Wildauge“ von der Finnin Katja Kettu (geb. 1978) geht es um die Besatzung durch die Deutschen 1944 in Lappland. Hauptfiguren sind die einheimische Hebamme Wildauge und der deutsche Offizier Angelhurst, die einander verfallen. Hauptschauplatz ist ein Kriegsgefangenenlager.

Die Geschichte und vor allem die Sprache hat eine Wucht, die einen fast umhaut. Sie ist deftig, grob, roh, körperlich, altertümlich, elementar, mythologisch. Sie ist auch voller Pathos. In ihr wird der Krieg auf die zwischenmenschliche Ebene gehoben, auf die er gehört. Lang nicht mehr so etwas gelesen. Relevant.

Buchtipp: Terry Pratchett, Ein Hut voller Sterne

 

Interesse an internationalen Kulturthemen und -texten von Karin Henjes? Profil & Kontakt hier.

m_cz17_kv01-600x936

Britisches Haardesign, eine Farbkollektion für 2017: das Foto fand ich im Hairdressers Journal Interactive, hier.

“Kind, du bist hierher gekommen, um herauszufinden, was wahr ist und was nicht, aber von mir kannst du nur wenig erfahren, das du noch nicht weißt. Du weißt nur nicht, dass du es weißt, und du wirst den Rest deines Lebens damit verbringen zu lernen, was bereits in deinen Knochen steckt. Und das ist die Wahrheit.“

Terry Pratchett, Ein Hut voller Sterne, München 2004, S. 339

Ein Hut voller Sterne von Terry Pratchett

Über den Hexenromanen des leider verstorbenen englischen Fantasyautors Terry Pratchett schwebt ein heller, freundlicher Geist. Selbst der uralte Schwarm, der die junge Hexe Tiffany Weh jagt, wird am Ende von “Ein Hut voller Sterne” geheilt. Diesen Autor zu lesen, ist wie eine Wohlfühldroge zu nehmen. Man kommt in einen herrlich schwebenen Zustand.

Terry Pratchett hat mehrere lustige und zugleich kluge Romane über Hexe Tiffany geschrieben, die man sehr gut unabhängig von seinen anderen Scheibenwelt-Geschichten lesen kann. Die Reihenfolge: Kleine freie Männer, Ein Hut voller Sterne (hier bin ich eingestiegen), Der Winterschmied (auch gut), Das Mitternachtskleid, Die Krone des Schäfers.

Lesetipp: Lily King, Euphoria

Interesse an internationalen Kulturthemen und -texten von Karin Henjes? Profil & Kontakt hier.

ms051063

Das Foto ist von hier.

9783406682032_large“Meine neue Freundin Malun hat mich heute in ein Frauenhaus mitgenommen, wo die Frauen webten und Netze flickten (…). Ich nehme ihren abgehackten Sprechrhythmus in mich auf, den Klang ihres Lachens, ihre Kopfhaltung. Ich erfasse die Sympathien und Antipathien im Raum auf eine Weise, wie es über die Sprache nie könnte. Im Grunde behindert die Sprache die Kommunikation, merke ich immer wieder, sie steht im Weg wie ein zu dominanter Sinn. Man achtet viel stärker auf alles Übrige, wenn man keine Worte versteht. Sobald das Verstehen einsetzt, fällt so viel anderes weg. Man beginnt sich ganz auf die Worte zu verlassen, aber Worte sind eben nur bedingt verlässlich.“

Euphoria, C.H. Beck, München 2015, S. 82 f.

Was für ein Leben! Lily Kings Roman “Euphoria” über eine ca. 30-jährige Ethnologin, die in Neuguinea ein (erfundenes) Urvolk am (realen) Fluss Sepik erforscht, ist der Biographie von Margaret Mead nachempfunden.

Neben der Ethnologin selbst stehen einige ihrer frühen Theorien und ein explosives Dreiecks-Liebesverhältnis im Zentrum des dennoch fiktiven Romans. In den USA wurde das Buch euphorisch besprochen in Deutschland zurückhaltender.

Ich empfehle es! Lily King hat eine schöne transparente Sprache. Durch die Erzählstruktur, in der abwechselnd die Ich-Erzählerin und ihr Geliebter erzählen, bleibt viel Raum für eigene Erkenntnisse. Und für historische und forschungstheoretische Positionen, die man von weit weg in Neuguinea mit anderen Augen sieht.