Literatur (D): Leif Randt, Allegro Pastell

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„Tanja lobte das Interieur des Lokals. Die Wände waren blass mintgrün gestrichen, und an der Decke hing ein Kronleuchter, dessen Material billig erschien. Tanja behauptete, in diesem Lokal eine Art kommunistische Nostalgie zu empfinden, sozusagen stellvertretend, und das Essen war wirklich gut.“ Seite 79

Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2020/2

Etwas ernüchternd, die Liebe in dem Roman Allegro Pastell von Leif Randt. Aber angenehm unaufgeregt. Sehr schön die klare Sprache und die Dialoge.

Das Protokoll einer Liebe und das Lebensgefühl (Konsumprofil) eines jungen Webdesigners aus der hessischen Provinz und einer Schriftstellerin aus Berlin. Ich fand es elektrisierend aber nicht transzendierend.

Hier liest Leif Randt aus dem Buch.

Literatur (USA): George Saunders, Fuchs 8

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Fuchs 8 von George Saunders

“Ich wüsste gerne, was mit oich los is. Wi kann di selbe Sorte Tir, die die wunder schöne Mool geschaffen hat, es schaffen das Fuks 7 so aussa wi er aussa, als ich in das lezze Mal geseen hab?”

München 2019, Luchterhand, 4. Auflage

Der Fuchs ist aktuell ein beliebtes Motiv, als Schmuckstück, Kissendekor, auf Wandteppichen … Gabriela Kaiser von der gleichnamigen Trendagentur zeigt das auch in ihrem neuen Trend Book 2021/22.

Zeitgleich feiert der amerikanische Autor George Saunders mit seinem Buch “Fuchs 8” Erfolge und erfreut die Kritik. Der “Fuks” hat seine ganz eigene Rechtschreibung (die Frank Heibert  ins Deutsche gebracht hat) und hat eine wichtige Botschaft an die Menschen. Lesen.

Übrigens: Mit der Mool ist eine amerikanische Mall gemeint, die der Fuks einmal begeistert besucht hat.

Biography (USA): Nadja Spiegelman, Was nie geschehen ist/I’m supposed to protect you from all this

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Über dem Küchentisch hingen große Kindergartenmalereien, eine Hexe und ein Teufel. Im Badezimmer meiner Mutter gab es eine wunderschöne Vitrine aus Glas, die das ganze Kuriositätenkabinett aus Tonfiguren enthielt, die mein Bruder ihr geschenkt hatte. Die gesamte Wand über ihrem Schreibtisch war voller Kritzeleien.

Berlin 2018, S. 36.

Ein interessantes, positives, widerspenstiges Buch über Familienbeziehungen und die Unzuverlässigkeit der Erinnerung. Geschrieben von Nadja Spiegelman, Tochter von Francoise Mouly, Artdirektorin des New Yorker und Art Spiegelman, Comic-Autor, u. a. von Maus.

An interesting, positive, unruly book about family relations and the uncertainty of memory. Written by Nadja Spiegelman, daughter of Francoise Mouly, Artdirektorin of the New Yorker und Art Spiegelman, among others comic author of Mouse.

Inhaltsangabe des Aufbau-Verlags:

“Nadja Spiegelman erzählt mehr als ihre eigene Geschichte. Sie zeichnet die Lebenswege dreier Frauen nach, deren Schicksale kaum enger miteinander verknüpft sein könnten. Ein eindrucksvolles Debüt über die blinden Flecken in Familien, über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerung und über die Kraft des Erzählens.
Als Kind glaubt Nadja Spiegelman, ihre Mutter sei eine Fee. Ein besonderer Zauber umgibt Françoise Mouly, die erfolgreiche Art-Direktorin des New Yorker. Erst Jahre später, als Nadja allmählich zur Frau wird, bricht dieser Zauber. Immer häufiger trifft sie die plötzliche Wut der Mutter, ihre Zurückweisung, ihre Verschlossenheit. Nadja ahnt, dass sich in Françoises Ausbrüchen deren eigene Familiengeschichte widerspiegelt, und sie beginnt, der Vergangenheit nachzuspüren. In langen Gesprächen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter stößt sie auf unsagbaren Schmerz und widerstreitende Erinnerungen, aber auch auf die Möglichkeit, im Erzählen einen versöhnlichen Blick auf die Vergangenheit zu finden. Ein poetisches, zutiefst ehrliches Buch, das offenlegt, warum uns die, die wir am meisten lieben, häufig am stärksten verletzen.”

 

Fiction (USA/Los Angeles): Paul Beatty, der Verräter/The Sellout

Ich schreibe für Sie über Design, Ökonomie und Literatur. Kontakt und Profil hier.
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Orte wie Sedona, Arizona, haben einen Energie-Vortex, einen heiligen, mystischen Ort, der Besuchern ein Gefühl der Verjüngung und der spirituellen Erweckung bescherte, und L.A. hat offenbar diverse Rassismus-Vortexe. Orte, an denen man von tiefer Melancholie und einem Gefühl ethnischer Wertlosigkeit erfüllt wird. Orte wie die Standspur des Foothill Freeway, auf der nicht nur das Leben Rodney Kings in eine Abwärtsspirale geriet, sondern in gewisser Weise ganz Amerika mit seiner arroganten Auffassung von Fairplay.“

München: Luchterhand 2015, S. 157 f

Ich ahne, dass dieses Buch grandios ist, aber um ihm gerecht zu werden, müsste ich mich professionell damit befassen. Und so geht es mir wie einer Bloggerin (deren Seite ich leider gerade nicht mehr finde). Sie schreibt, dass sie beim Lesen des Buchs das Gefühl hatte, eine Party finde statt, aber sie müsse leider draußen bleiben.

Nicht umsonst spricht schreibt Dennis Pohl in seiner „Spiegel“-Rezension zu „Der Verräter“ von einer Überforderung. Der Roman – für den der Amerikaner Paul Beatty mit dem Man Booker Prize 2016 ausgezeichnet wurde – ist tatsächlich etwas für Menschen mit sehr viel Auffassungsgabe und noch mehr amerikanistischem Detailwissen in jeder erdenklichen Disziplin.

Der Verlagstext zum Buch:

Dickens, ein Vorort von Los Angeles, ist der Schandfleck der amerikanischen Westküste: verarmt, verroht, verloren. Zugleich ist es der ganze Stolz seiner schwarzen Einwohner, eine Bastion gegen die weiße Vorherrschaft. Hier zieht der Erzähler von ‚Der Verräter‘ friedlich Wassermelonen und Marihuana. Doch als sein bürgerrechtsbewegter Vater durch Polizeigewalt stirbt und die Gentrifizierung den gesamten Vorort auszuradieren droht, wird er unversehens zum Anführer einer neuen Bewegung: Mit seinem Kompagnon Hominy, alternder Leinwandheld aus “Die kleinen Strolche”, führt er Sklaverei und Rassentrennung wieder ein … Eine bissige, kühne Satire über eine Gesellschaft, die ihre ethnische Spaltung noch lange nicht hinter sich gelassen hat.“

Mir bleibt es also, das Buch zu empfehlen an Leserinnen, die sich in eindimensionalen Büchern langweilen und auf eine größere Herausforderung aus sind. Am besten gut ausgestattet mit der Zeit und Muße, die vielen popkulturellen Anspielungen nachzugoogeln und grandiose Sätze nachwirken zu lassen (mich hat fasziniert, wie spielend Paul Beatty mythische Räume erschafft, s. o.)

Und noch ein Rat an diejenigen, die es nicht mögen, wenn ein Buch in groteske Szenen abgleitet: Abwege in Kauf nehmen für Sätze wie oben.

This is a great book, but difficult to read. I was very impressed how Paul Beatty creates mythical space in the middle of ugliness, pop and racism. What a fantastic mind!

Danke an das Presseteam von Luchterhand für das Rezensionexemplar!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fiction (USA/New York City): Lisa Halliday, Asymmetry/Asymmetrie

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„Lulled by years of relative peace and prosperity we settle into micromanaging our lives with our fancy technologies and custom interest rates and eleven different kinds of milk, and this leads to a certain inwardness, an unchecked narrowing of perspective, the vague expectation that even if we don’t earn them and nurture them the truly essential amenities will endure forever as they are. …

Our military might is unmatched and in any case the madness is at least an ocean away. And then all of a sudden we look up from ordering paper towels online to find ourselves delivered right into the madness. And we wonder: How did this happen? What was I doing when it was in the works? Is it too late to think about it now? Anway, what good will it do, the willful and belated broadening of my imagination?”

London, Granta, 2018, p. 260f

Allein für diese Passage schätze ich das dreigeteilte Buch “Asymmetrie”. Teil 1 handelt von der Affäre einer jungen Verlagsassistentin mit einem alten berühmten Schriftsteller, endlich mal von einer Frau geschrieben. (Völlig literaturunwissenschaftliche aber menschlich sehr interessante Anmerkung: Lisa Halliday hatte eine Affaire mit Philip Roth. Ich versuchte dann auch, seinen Roman “Das sterbende Tier” zu lesen, der ungefähr zeitgleich zu der Affäre geschrieben worden sein muss; nach fünfzig Seiten stieg ich trotz aller guten Vorsätze aus. Er dreht sich nur um den nicht sehr spannenden Ich-Erzähler und seine Passion.) In Teil 2 geht es um einen amerikanisch-irakischen Reisenden, aufgehalten in der Niemandswelt eines Flughafens, erzählt aus der Ich-Perspektive. Teil 3 ist das Interview einer Londoner Moderatorin mit dem Schriftsteller aus Teil 1. Eine ziemlich gewagte Konstruktion, der Roman, zumal in Teil 2 eine – in den USA ja sehr wütend diskutierte – kulturelle Aneignung praktiziert wird. Hochachtung dafür, dass Lisa Halliday Asymmetrie so unkonventionell angeht.

The passage above (which is longer and smarter in the book) would suffice for me to pay tribute to “Asymmetry”. But also the other subjects (old man loving a young woman, written by a woman; migration and the appropriation of culture; some wisdom by the old) make this book very interesting. Praise for Lisa Halliday to face asymmetries so unconventionally.

Fiction (Japan): Sayaka Murata, Die Ladenhüterin/Film (Deutschland): In den Gängen

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„Unablässig erklang in mir die Stimme des Konbini. Seine Wünsche und Bedürfnisse durchströmten mich. Nicht ich sprach, sondern der Konbini sprach aus mir. Ich gab lediglich seine Offenbarung weiter.“

Die Ladenhüterin, Berlin 2018, S. 142

Ich hatte Durststrecken, weil die Begrenztheit der Erzählerin anstrengt, fand es aber perfekt gemacht und auf seine Art horizont-erweiternd.

In „Die Ladenhüterin“ wird die Geschichte der jungen Keiko Furukura erzählt, die als Beschäftigte in einem japanischen Minimarkt (Kombini) ihre Bestimmung findet. Ein Roman für den internationalen Literaturkanon. Er bildet einen Mikrokosmos im zeitgenössisches Japan ab und macht die Psyche einer teilweise gefühlsblinden, zugleich aber sensiblen und autistischen Persönlichkeit erfahrbar.

Im übergeordneten Sinn ist Sayaka Muratas preisgekrönter Roman eine Nahaufnahme der heutigen gewinnorientiert durchgetakteten, zutiefst prägenden Arbeits- und Konsumwelt der reichen Länder. Ein Stück Keiko steckt in allen von uns, wenn wir an unserem Arbeitsplatz sind.

Das Buch lässt sich sehr schön im Zusammenhang mit Hermann Melvilles Erzählung „Bartleby, The Scriverner“ (USA) und mit Amelie Nothombs Roman „Mit Staunen und Zittern“ (BEL) lesen.

Ergänzung 4.6.2018: Eine wunderbare Erweiterung des Themas, diesmal mit dem deutschem Mikrokosmos eines Großmarkts: der Film “In den Gängen” von der Biennale 2018.

 

 

Buchtipp (Frankreich): Karine Tuil, Die Zeit der Ruhelosen

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„Die Hölle von Afghanistan. Du bist überwältigt von der Natur, ihrer Vielfalt, den versteckten Höhlen, der Schroffheit, alldem, womit dein Feind bestens zurechtkommt und was du dir erst vertraut machen musst, denn er kennt die Gegend besser, als du sie je kennenlernen wirst ­– das weite, von Schluchten durchzogene, hügelige Terrain mit den kreideweißen Gipfeln des Hindukusch im Hintergrund, die sternenklaren Nächte, diese Postkartenlandschaft.“

Berlin 2017, Seite 17

„Die Zeit der Ruhelosen“ von der französischen Autorin Karine Tuil ist ein prima Thriller. Ich habe das Buch fasziniert und atemlos gelesen, mit Erkenntnisgewinn. Vor allen die Szenen, in denen die drei männlichen Hauptpersonen in der unbegreiflichen Realtiät der Gewalt, des Krieges, der Gefangenenschaft und der Folter existieren. Karine Tuil schreibt hart, schnell, gnadenlos, journalitisch. Dass sich ein Rezensent bei der Lektüre gelangweilt hat (siehe Kritiken im Perlentaucher), verstehe ich nicht.

Lesetipp (Simbabwe): Petina Gappah, Die Farben des Nachtfalters/The Book of Memory

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Foto: Yves Picq, Wiki Commons – Palisander in Harare, Simbabwe

„Noch während ich diesen nachsichtigen Stamm mit Hohn und Spott überschütte, frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn meine eigene kleine Dorfgemeinde, alle Leute, die ich je gekannt habe, um mich herumstünden und mir Vergebung schenkten.

Zürich, Arche, 2016, S. 251 f

44931358zKann die Geschichte einer Frau, die (in diesem Fall in Simbabwe) im Gefängnis sitzt und zum Tode verurteilt ist, bereichern, ja mitunter fröhlich machen? Kann sie, wenn sie von Petina Gappah geschrieben wurde.

Wunderbar für Herz und Verstand, locker zu lesen, wenn man mag, aber auch mit jeder Menge Stoff zum Nach- und Weiterdenken – über die Art und Weise, wie Erinnerung funktioniert, über Macht in Institutionen, über die Konstruktion von Wirklichkeit, über das Universelle in  Mythologien, über das Ausgeliefert-Sein von Kindern, über Schuld, über Vergebung und alles andere, was ihr selbst hineinlesen könnt und wollt.

Leseprobe

 

 

 

 

 

 

Arundhati Roi (Indien), Ministry of Utmost Happiness (Ministerium des äußersten Glücks)

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Arundhati Roi, das Foto stammt von hier.

“And yet, the burden … had lightened somewhat. Not because she loved [and missed] him any less, but because the battered angels in the graveyard that kept watch over their battered charges held open the doors between worlds (illegally, just a crack), so that the souls of the present and the departed could mingle, like guests at the same party.”

Roi, Arundhati, The Ministry of utmost Happiness, Hamish Hamilton, UK 2017, page 198

u1_978-3-10-002534-0.63362368Auf diesen zweiten Roman der preisgekrönten indischen Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Arundhati Roi (Autorin von Der Gott der kleinen Dinge) habe ich (zusammen mit vielen anderen) lang gewartet.  The Ministry of utmost Happiness (hier die Handlung) ist nicht immer einfach zu lesen, aber sehr poetisch, bereichernd und transzendent. Bitte nicht wundern, wenn in Kapitel 3 ein ganz neuer, scheinbar unzusammenhängender Handlungsstrang aufgemacht wird, alles wird am Ende zusammengeführt.